Brief vom 21.08.2011 Letzte Änderung: STARTSEITE (18.05.2014, 15:53:50)

Brief vom 21.08.2011

Hallo K............ hallo R............, ciao ihr Lieben


ist ja eine ganze zeitlang her, dass ich was von mir habe hören lassen. Dabei ist es überhaupt nicht so, dass nichts berichtenswertes passiert wäre - ganz im Gegenteil. Aber es hätte wenig Sinn gehabt, permanent Stückwerk rüberzubringen, so kann ich das ganze Kapitel zusammenhänend darstellen.

Wie ihr evtl. schon erfahren habt, war ich am Freitag mit K.... und L.... für ein paar Stunden in SchwaImstadt spazieren - das nennt sich im Sprachgebrauch des Knastes "Besuchsausführung''. Ich ungefesseIt und die ''Begleitung" diskret in Zivilklamotten. Richtig geiles Feeling, auch wenn das Wetter hätte etwas freundlicher sein können. Gemeinsam in nem Cafe sitzen, kleiner Spiergang um Ziegenhain herum, K.... und L.... haben mir dann auch noch einen neuen Femseher spendiert... war unheimlich schwer, dann nach vier Stunden wieder tschüß zu sagen. Aber auch nochmal ein richtiger Kick, noch vehementer ums letztendliche ''rauskommen" zu kämpfen.

Die Vorgeschichte - eine teilweise nervenaufreibende Zeit. lch mache es Chronologisch:

Wegen der Fesselung bei den ersten Ausführungen habe ich zwei Verfahren gegen den Knast in Gang gesetzt. Das als Vorinformation.

25.07. - ein Mitarbeiter der AnstaItsleitung, auf mittlerer Ebene angesiedett, sucht das Gespräch mit mir. Ob es denn nicht möglich wäre, diese Verfahren erstmal ruhen zu lassen und später dann auch ggf. zurückzunehmen (natürlich unter Kostenübemahme der Anstalt). ''Man'' wisse ja, dass bzgl. der Fesselung eine nicht zutreffende Einschätzung der Gefrahr von Flucht/Missbrauch zugrunde gelegt worden wäre. Ab sofort würden Ausführungen natürlich ungefesseIt statfinden, so sei das auch schon entschieden worden... lch habe darauf hinwiesen, dass mir für die beantragte Juli/Anfaq Aust-Ausführung immer noch kein Termin genannt wurde und außerdem die für Juli vorgesehene Vollugsplanfortschreibung überfällig wäre. Unter der Maßgabe dass  sofort ungefesselt ausgeführt wird und mir bis spätestens Freitag, 29.07. ein Ausführungstermin genannt wird würde ich einem vorläufigen Ruhen der Verfahren zustimmen. Vorbehaltlose Zusage seinerseits.

26.07. - ein Tag nach diesem Gespräch: ich werde endlich zu Prof. Mayer in die Neurologie der Hephata-Klinik ausgeführt. Eine sog. ''Arztausfühng''. Für diese Ausführung angeordnet: FESSELUNG mit Handschellen. Ich bin ziemlich anpisst, mache das ganze Spiel aber mit, um den Arzttermin nicht zu crashen.

27.07. - ich bekomme ein Schreiben des Gerichts an die Anstalt, aus dem mir klar wird, warum man so plötzlich (und ungewohnt) in der Weise an mich herangetreten ist. Inhalt siehe in ANLAGE 1.

29.07. - Gespräch mit dem für SV zuständigen Sozialarbeiter. lmmer noch kein Termin für eine Ausführung! ln meiner Gegenwart teIefoniert er (vorgeblich, wie sich später herausstellt) mit dem zuständigen Dienstplan-Gestalter, der im wesentlichen eine Terminierung nach den zur Verfügung stehenden Kapazitäten festlegt. Im Augenblick wäre der sehr beschäftig, aber am Montag könne ich nähere Auskunft kriegen.

01.08. - Mit Schreiben, das ich dann direkt nach dem Gespräch mit dem Sozi aufgesetzt habe informiere ich darüber dass ich einem Ruhen der Verfahren nicht zustimme, da sich die Anstalt sowohl was Fesselung angeht als auch bzgl. Terminierung/Ausführung nicht an die Absprache gehalten hat.

02.08. - Das Gericht schickt mir den Schriftsatz, den der Knast einen Tag nach dem Gespräch mit mir eingereicht hat und in dem sie meine Zustimmung zum Ruhen der Verfahren behauptet. Fälschlich wird dort behauptet, die Absprache bzgI. Fesselung bezöge sich auf die nächste
"behandlerische Ausführung''... ANLAGE 2

lch verfasse sotort einen klärenden Schriftsatz fürs Gericht, zumal mir auch bis dahin immer noch keiner nen Ausführungstermin sagt... Sozi läßt sich wohlweislich nicht sehen. Meine Stellungnahme an das Gericht als ANLAGE 3.

03.08. - zufällig läuft mir der zuständige Gestalter des Dienstplans über den Weg. Ich konfrontiere ihn mit der Situation. Das Erstaunen ist bestimmt nicht geheucheIt: weder hat der Sozi am Freitag mit ihm teIefoniert, noch hat er gesagt, er könne Montag einen Termin nennen und außerdem sei das Thema ''Balding und seine Ausführug'' in letzter Zeit nicht einmal Thema gewesen...
Das kostet schon Nerven: da steht dieser Sozi-Typ vor dìr, gibt vor zu telefonieren und lügt dir ganz frech mitten ins Gesicht... und geregett ist GARNlCHTS. Aus dem Moment heraus nehme ich mir erstmal vor jede Kommunikation mit diesem verIogenen Pack einzustellen und alle Belange nur noch über das Gericht bzw. schriftlich zu klären.

Im laufe der Woche dann doch noch ein kurzes Gespräch mit dem Psychlogen, dem ich aufgrund der ganzen Entwicklung einen vorgesehenen Termin abgesagt habe. Erkläre ihm das warum und wieso. Findet er auch nicht toll, natürlich. Aber ich solle weiteres nicht aus der Frustration heraus bestimmen... Naja, auch wenn er zu ''denen'' gehört, wo er Recht hat, hat er Recht. Ich halte mir immer wieder mein Masterziel vor Augen...ich will vorwärts.

08.08. - Hemmungslos und unverfrohren wie er ist, sucht mich der Sozi auf: ja, da wäre einiges ''schräg gelaufen'' (ach ja wirklich ???), aber eine tolle Nachricht: ob ich denn nicht mal Lust hätte, ein wenig hier in Schwalmstadt spazieren zu gehen, vieIleicht ein Eis essen oder ein paar Klamotten kaufen. Das wäre dann auch garantiert ungfesselt...
Ich bin NICHT abgekackt, habe ihm ganz vernünftig und ruhig erklärt, dass - nicht nur für mich - die Ausführungen schon eine gewisse inhaltIiche Struktur haben sollten; das meint, für mich sind sie untrennbar mit den FreundInnen der Besuchergruppe und diesem sozialen Umfeld verbunden.
Mein Alternativvorschlag: für Freitag den 19.08. war Besuch von K..... und L..... angesagt, Wenn ich bei dieser Gelegenheit ein paar Stunden mit ihnen in Schwalmstadt verbringen kann, dann wäre das für mich ok.
Ja, das klänge auch ganz vernünftig er wolle sich sofort darum kümmern.

10.08. - lch habe einen kleinen Putz-Job in der Lehrküche. Morgens beim Arbeitsumschluss fragt der Stationsbeamte ganz verwundert:...wie, warum auf die  Arbeit? Sie haben doch heute eine Ausführung... Da war ich noch der Meinung, es würde sich evtl. um einen vorgesehenen Folgetermin beim Neurologen handeln, das wollte ich dann vom Arbeitsplatz aus klären.
Am Telefon erfahre ich dann (vom Sozi, uff...), er habe den Chef nicht davon überzeugen können, dass eine Ausführung mit den Besuchern sinnvoller wäre. Also wäre ANGEORDNET worden, ich sei SOFORT auszuführen und solle heute mit zwei Beamten in Schwalmstadt "spazieren gehen''.
lch sage ihm, wohin sie sich diese Form von Gassi-gehen stecken können. Gleichzeitig ist mir aber auch klar, dass der Knast - im Druck der Beaufsichtigung durch das Gericht - diesen Umstand wahrscheinlich als rettendes ''Balding verweigert sich Lockerungen'' darstellen und verfäIschen wird. Nehme mir vor, abends noch an die Strafvollstreckungskammer zu schreiben.
Nachmittags wird mir dann ein weiteres Schreiben des Gerichts an den Knast zugesteIlt. Darin wird ziemlich mit der Faust auf den Tisch gehauen, dieser sinnlose Aktionismus vom Tage ist damit dann auch geklärt. Dieses Schreiben findet ihr als ANLAGE 4.
In der ANLAGE 5 dann mein entsprechendes Schreiben nach Marburg.

11.08. - Ich bekomme die Mitteilung, dass ''man'' alles nochmal überdacht habe und ich könne selbstverständlich doch mìt den Besuchem am Freitag, 19.08. - ein paar Stunden draußen in Schwalmstadt verbringen....


lm März dieses Jahres hatte ich an einem drei-Tage-Seminar ''Selbstmanagement'' teilgenommen. Klang interessant, war auch sehr spannend. Angeboten wurde das von einem Trainer, der für gewöhnlich Führungskräfte aus Industrie/Banken schult. Für Knast und Ministerium auch ne ganz tolle Vorzeigegeschichte. Naja, ein Programmpunkt dabei war das sog. Konfliktmanagement. Hat mir persönlich auch einiges an Einsichten und Verständnis gebracht. Vor allem ein ganz gutes Instrument an die Hand gegeben: diesen gewissen Moment ''lnnehalten'' zu beherrschen, wenn ich spüre, wie Emotion hochkocht. Glaubt mir, ohne dies hätte ich es bei dem geschilderten Hirnfick dieser Tage schwer gehabt. Nerven hat's aber
trotzdem genug gekostet.

Der Freitag dann aber eine wirklich tolle Sache, würde ich gerne mit jeder/m von euch machen, wenn nichts anderes, weitergehendes möglich ist.
Die sog. Vollzugsplankonferenz hat jetzt auch entschieden, dass für ''weitergehende Lockerung'' die notwendige Begutachtung in Auftrag gegeben werden soll. Mit dem Gutachten soll Prof. Müller / Göttingen - der auch die Begutachtung fürs Gericht gemacht hatte - beauftrag werden. Bleibt die zeitliche Dimension abzuwarten.

Wegen meinen Schlafproblemen und dem, was Müller dazu in seinem Gutachten gesagt hatte, war ich, wie oben gesagt, nochmal beim Neurologen. Für ihn (auch Dr. der Neurologie mit nem Prof.-Titel) waren Müllers Ausführungen, die ich ihm zur Verfügung gestellt hatte, gelinde gesagt ''schwer nachvollziehbar''. Zweifel an der Diagnose würden für ihn überhaupt nicht vorliegen, es ginge einzig und aIlein um effektive Medikation.
Seit drei Wochen bekomme ich 24-Std-Pflaster mit dem Wirkstoff ROTIGOTIN, die Paster heißen NEUPRO-Pflaster. Dieses wird originär zur Behandlung von Parkinson eingesetzt. Könntet ihr mal so lieb sein, mir dazu was aus dem Intemet zu ziehen, die beschriebenen möglichen Nebenwirkungen kIingen überhaupt nicht gut (aber das ist wohI bei allen Medis so), mich würden speziell die Langzeitgeschichten interessieren - auch welche körperlichen Parameter über längere Zeit im Auge behalten werden müssen.
Nach den ersten drei Wochen spüre ich schon eine signifikante Erleichterung bei einzelnen RLS Symptomen. lch schIafe auch mal wieder 5-6 Stunden in der Nacht, woran lange Zeit nicht zu denken war. Zwar immer noch mit Unterbrechungen, aber ein guter Anfang.


Ok, ihr lieben , soweit mal für den Moment. Mir tun auch langsam die Finger weh vom tippen. Habe mir von nem Kollegen die Maschine ausgeliehen, damit es ein akeptables Schriftbild für's einscannen gibt... Eine Kopie dieses Briefs und alle Anlagen schicke ich auch an Andreas, damit ist er dann auch gleich auf dem neuesten Stand.


Drücke euch alle ganz doIl, bis die Tage dann mal
ciao Lutz